Die 36 Eide

Beltings 5. Fall

Zwei verbrannte Männer. Keine Zeugen. Kein erkennbares Motiv.

Was zunächst wie eine Abrechnung im kriminellen Milieu aussieht, führt Lars Belting und sein Team in die Strukturen einer Organisation, deren Regeln seit Jahrhunderten gelten …



PROLOG

ELLERHOLZDAMM 38 • HAMBURG-STEINWERDER

DIENSTAG, 5. AUGUST • 23:47 Uhr

Der Rauch der Räucherstäbchen hing wie ein grauer Schleier unter der Decke der Lagerhalle, sein schwerer, harziger Duft vermischt mit kaltem Beton und altem Staub. Nur gelegentlich zog ein Windstoß durch eine zerbrochene Fensterscheibe und ließ die dünnen Fäden auseinanderdriften, ohne den Schleier je ganz zu vertreiben. Irgendwo im hinteren Bereich schlug eine locker hängende Wellblechtür gegen eine Wand, begleitet vom dumpfen Blubbern eines Schiffsdiesels, das von den nahen Containerterminals herüberdrang, gedämpft durch Stahl und Beton.

Ein junger Mann kniete auf dem kalten Boden, während die Kälte durch den Stoff seiner Hose in die Knochen kroch. Seine Hände lagen auf den Oberschenkeln, so hatte man es ihm gesagt. Er war schlank, fast schmächtig, mit schmalem Gesicht und dunklen Augen, die unruhig durch den Raum wanderten, bevor sie sich wieder auf den Boden richteten. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, seine Kleidung schlicht. Auf der Straße hätte man ihn für einen Studenten gehalten, doch in diesem Moment lag in seiner Haltung eine Anspannung, als würde er die eigene Nervosität mit reiner Willenskraft im Zaum halten.

Ruhig bleiben. Nicht sprechen. Nicht bewegen. Warten, bis der Meister zu ihm sprach.

Yáng Míngzhé – so sein Name – wusste nicht mehr genau, wie lange er hier schon kniete. In diesem Raum schien sich die Zeit aufzulösen, als würde sie vom Rauch der Räucherstäbchen mit nach oben getragen und zwischen den Stahlträgern verschwinden.
Vor ihm stand ein niedriger Tisch, kaum mehr als eine schwere, mit einem dunklen Tuch bedeckte Holzkiste. Darauf brannten drei dicke Stäbchen, ihre Glut orange im Halbdunkel. Daneben lagen weitere Gegenstände, sorgfältig arrangiert wie Requisiten auf einer kleinen Bühne: eine Porzellanschale, halb gefüllt mit Reiswein, ein Bündel dünner Papierstreifen mit schwarzen Schriftzeichen, ein Messer mit langer, schmaler Klinge.

Míngzhé hatte versucht, die Zeichen zu lesen, als man ihn hereingeführt hatte, doch sein Chinesisch reichte nicht aus. Vielleicht war das auch besser so. Hinter ihm standen mehrere Männer. Er musste sich nicht umdrehen, um ihre Anwesenheit zu spüren – ein Gewicht aus Atem, Tabakrauch und leisen Schritten auf Beton, hin und wieder ein Räuspern, das Klirren eines Feuerzeugs. Niemand sprach. Zwei Wannenleuchten hingen von der Decke, ihre Röhren flackerten nervös im Luftzug und warfen schwankende Schatten über den Boden. Wenn Míngzhé den Blick hob, sah er nur Beine, dunkle Mäntel, halb im Schatten liegende Gesichter.

Dann näherten sich Schritte, langsam, ruhig, und veränderten dennoch etwas in der Atmosphäre der Halle. Ein Flüstern verstummte sofort wieder. Ein Stuhl wurde zurückgeschoben.

Der Mann, der schließlich vor dem Altar stehen blieb, war kleiner, als Míngzhé erwartet hatte – auf den ersten Blick ein gewöhnlicher Geschäftsmann, Mitte vierzig, schlank, mit schmalen Schultern und einem ruhigen Gesicht, das kaum Emotionen erkennen ließ. Sein Haar war kurz und an den Schläfen leicht ergraut, sein helles Hemd und dunkles Sakko so ordentlich, als hätte er sie erst vor Minuten angelegt. Er lächelte höflich, doch seine Augen blieben kühl und aufmerksam, der Blick eines Mannes, der Gespräche nicht nur führte, sondern gleichzeitig analysierte, als suche er nach etwas, das sich hinter Míngzhés Gesicht verbarg.

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sprach auf Kantonesisch, leise, doch die Worte erreichten jeden Winkel der Halle. Ein zweiter Mann trat neben Míngzhé und übersetzte.»Der Meister fragt, ob du verstehst, was dieser Ort bedeutet.«
Míngzhé schluckte. »Ja«, sagte er, und spürte, wie trocken seine Kehle war.

Der Meister neigte kaum merklich den Kopf, dann bewegte er die Hand, als bezöge er den ganzen Raum in die Zeremonie mit ein.
»Dies ist ein Ort der Bruderschaft«, sagte er, und der Übersetzer sprach den Satz ruhig nach. »Ein Ort, an dem Himmel, Erde und Mensch zusammenkommen.« Er deutete auf die Räucherstäbchen. »Der Rauch trägt die Worte nach oben. Zu den Brüdern, die vor uns gekommen und gegangen sind.«

Míngzhé spürte einen kalten Schauer den Rücken hinaufziehen. Man hatte ihm von diesem Ritual erzählt, aber niemand hatte beschrieben, wie es sich anfühlte, tatsächlich hier zu knien. Der Meister trat näher an den Tisch. Seine Finger glitten über das Messer, bevor er es aufnahm, ruhig, beinahe beiläufig, als wäre es das Natürlichste der Welt.

»Die Bruderschaft ist eine Familie«, sagte er. »Eine Familie entsteht nicht durch Geburt. Sondern durch Entscheidung.« Er sah Míngzhé wieder direkt an. »Und jede Entscheidung hat einen Preis.«

Er machte eine kleine Bewegung mit dem Messer, und Míngzhé streckte automatisch die Hand aus, ohne dass man es ihm hätte sagen müssen – vielleicht hatte er sich darauf vorbereitet, vielleicht diesen Moment schon hundertmal im Kopf durchgespielt. Die Klinge war kalt, der Schnitt kurz und präzise. Ein Tropfen Blut sammelte sich in seiner Handfläche, wuchs langsam und fiel schließlich in die Schale mit dem Reiswein.

Der Meister legte das Messer zurück und hob die Schale an, während der Rauch der Räucherstäbchen zwischen ihnen hindurchzog.
»Nun spricht der neue Bruder«, sagte er, und der Übersetzer trat einen Schritt näher. »Diese Worte werden im Rauch der Räucherstäbchen gesprochen. Himmel und Erde hören zu. Wer sie bricht, hat keinen Platz mehr unter den Lebenden.«

Dann begann der Schwur.

Satz für Satz sprach der Meister die alten Worte, manche wie Versprechen, andere wie Warnungen, und Míngzhé wiederholte jedes einzelne, während die Männer hinter ihm still zuhörten. Der Meister sprach mit Bedacht, jede Silbe fiel deutlich in die Stille der Halle, und Míngzhé nahm sie auf wie ein Schüler, der eine fremde Sprache lernt – manches verstand er sofort, anderes nur im Kern. Doch das spielte keine Rolle. Entscheidend war, dass er sie aussprach.

Mit jedem Schwur spürte er stärker, dass dieser Moment größer war als er selbst. Nicht die Halle, nicht die Männer um ihn herum, sondern etwas Unsichtbares, das hinter all dem stand, eine Ordnung, die lange vor ihm bestanden hatte und weiterleben würde, wenn niemand mehr seinen Namen kannte. Die Eide klangen beinahe wie eine Litanei, ihr Rhythmus hatte etwas Unaufhaltsames.
Míngzhé zwang sich, ruhig zu bleiben. Seine Aufmerksamkeit durfte keinen Augenblick nachlassen – ein falsches Wort, ein Zögern, ein unsicherer Ton, und jeder der Männer hinter ihm würde es bemerken. Schlimmer noch war der Gedanke, dass der Meister es bemerken könnte, der nur wenige Schritte entfernt stand und jede Bewegung, jedes Wort beobachtete. Wenn ihm auch nur der geringste Zweifel kam, würde die Zeremonie ein anderes Ende nehmen.

Also konzentrierte er sich nur auf die Stimme des Meisters, auf den nächsten Satz, den nächsten Eid. Das Blut aus der kleinen Wunde in seiner Handfläche tropfte langsam auf den Beton, doch er nahm es kaum noch wahr. Alles in ihm richtete sich auf die Worte, die er sprach, und auf die Bedeutung, die sie hatten. Denn während die Zeremonie voranschritt, wurde ihm klar, dass diese Schwüre nicht nur ausgesprochen wurden, sondern ihn für immer banden.

Als der letzte Schwur gesprochen war, hielt der Meister ihm die Schale mit dem Wein hin. »Das Blut eines Bruders ist stärker als Wasser«, sagte er.

Míngzhé nahm die Schale. Der Reiswein schmeckte bitter und metallisch, als hätte das Blut seinen Geschmack verändert. Als er sie zurückgab, sah der Meister ihn lange an. Im Halbschatten neigten die Männer nacheinander den Kopf, eine stille, gemessene Bewegung, die sich durch die Reihen fortsetzte wie ein einziger, langsamer Atemzug, bis auch der letzte von ihnen sich verneigt hatte.
Der Meister wandte sich ab, als wäre alles bereits entschieden.

»Von heute an«, sagte er ruhig, »gehört dein Leben der Bruderschaft.«

Míngzhé sah auf seine Handfläche, aus der das Blut noch immer auf den kalten Beton tropfte. Während der Rauch der Räucherstäbchen zur Decke stieg, begriff er, dass sich sein Leben unwiderruflich verändert hatte. Von nun an würde Hei Long Hui, die »Gesellschaft des Schwarzen Drachen«, es lenken.

Einer der Männer trat hervor und griff nach einem zusammengefalteten Stück dunklen Stoffes, das neben dem Altar gelegen hatte. Mit einer ruhigen Bewegung entrollte er es und ließ es über die Vorderseite der Holzkiste hinabgleiten, bis es glatt herabhing. Im flackernden Licht der Deckenleuchten erschienen darauf drei große Schriftzeichen, mit schwarzer Tinte auf gelben Stoff gemalt:

黑龙会


Kapitel 1

ELLERHOLZDAMM 38 • HAMBURG-STEINWERDER

MITTWOCH, 6. AUGUST • 0:36 Uhr

Nach der Initiation blieb Míngzhé noch einen Moment vor dem Altar stehen. Der Rauch der Räucherstäbchen hing schwer in der Luft und zog in trägen Schlieren unter der Decke entlang, während die letzten Worte der Schwüre in seinem Kopf nachklangen, als hätte sich jeder Satz einzeln in ihn eingebrannt.

Der Mann, der während der Zeremonie übersetzt hatte, trat neben ihn, legte ihm kurz die Hand auf den Arm und sagte nur: »Komm.«

Míngzhé folgte ihm in den hinteren Teil der Halle, dorthin, wo das Licht schwächer wurde und die Schatten dichter lagen, ihre Schritte hallten leise über den Betonboden, bis der Übersetzer schließlich stehenblieb und sich ihm zuwandte.

»Jetzt, da du mein Bruder bist, sollte ich mich vorstellen«, sagte er. »Mein Name ist Zhang Wei.«

Er sprach den Namen mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit aus, als gehöre er zu einer Ordnung, die keiner Erklärung bedurfte. Auf den ersten Blick wirkte Zhang Wei unscheinbar – schlank, Mitte fünfzig, schmales Gesicht, kurzes schwarzes Haar, dunkles Hemd, dunkle Hose, nichts, das im Gedächtnis blieb. Erst wenn man ihm länger in die Augen sah, bemerkte man, wie ungewöhnlich ruhig sein Blick war, nicht die Ruhe eines gelassenen Menschen, sondern die eines Mannes, der gelernt hatte, zu warten und zu beobachten, ohne selbst etwas preiszugeben – eine Kunst, die für einen Incense Master der Triade so unerlässlich war wie Atmen.

»Du hast eben den Meister kennengelernt. Er heißt Chen Guoqiang.« Zhang Wei musterte ihn kurz, als würde er abwägen, wie viel er sagen sollte. »Er hat angeordnet, dass du etwas sehen sollst. Unmittelbar nach deiner Aufnahme.«

Míngzhé wartete, spürte, wie sein Puls sich beschleunigte, ohne dass er wusste, warum.

»Ein Bruder hat die Familie verraten«, sagte Zhang Wei schließlich, seine Stimme ruhig, beinahe sachlich, als spräche er über eine Lieferung, die verspätet eingetroffen war. »Du wirst dabei sein, wenn seine Strafe vollstreckt wird. Du sollst verstehen, was Verrat bedeutet – und dir merken, was mit denen geschieht, die ihren Eid brechen. Es wird kein angenehmer Anblick sein, aber das ist eine Prüfung, und du gehörst ja jetzt dazu.«

Er wandte sich einer schweren Metalltür zu, und als er sie aufstieß, quietschten die Scharniere so laut, dass das Geräusch durch den ganzen hinteren Bereich der Halle zu hallen schien, wie ein Warnruf, den niemand mehr aufhalten konnte.

Der Raum dahinter lag im Halbdunkel. Die Wände waren mit türkisfarbenen Fliesen bedeckt, deren Glasur stumpf wirkte, manche gesprungen, andere fleckig, und der Boden darunter sah so schäbig aus, als hätten sich hier über Jahre Dinge abgespielt, die sich nicht mehr vollständig entfernen ließen, egal wie oft man ihn schrubbte.

Kaum hatten sie den Raum betreten, hörte Míngzhé ein Geräusch – ein leises, fast ersticktes Stöhnen, das kaum noch menschlich klang. Zhang Wei griff neben der Tür nach einem Schalter, und mit einem harten Klicken gingen mehrere Strahler gleichzeitig an, so grell, dass Míngzhé unwillkürlich blinzelte. Als sich seine Augen daran gewöhnt hatten, sah er den Mann. Er hing mitten im Raum an einem Rohr, das unter der Decke verlief, zwei Seile führten von seinen Handgelenken nach oben und hatten sich tief in die Haut gegraben, hielten den nackten Körper mit den Armen hoch über dem Kopf gespannt. Sein Rücken war ihnen zugewandt, …